lunes, 9 de marzo de 2026

Blutträne de Javier Hernández Velázquez

 


                                          Blutträne 


                                                           Das Problem mit abstrakter Malerei ist,                                                                                                         Dass man erst den Titel lesen muss,                                                                                                               um sie zu verstehen.

                                                           Oscar Pin

Ein Tropfen Blut im Schnee.

„Gemalte Hoffnung und verlorene schöne Gedanken entstanden und versanken zugleich in deiner Abwesenheit“, sagte er sich leise. Nichts konnte Wassily Kandinsky auf seiner abstrakten Reise in die Kälte aufhalten. Seine Pläne hielt er geheim, seine Absichten blieben undurchschaubar. Sie hatte eine Spur an seinem Finger bemerkt. Nun wollte er ihr den Tatort zeigen. Er klammerte sich an die ungewöhnliche Schärfe seines fotografischen Gedächtnisses. Jeder Hinweis konnte wichtig sein. Alles, was er in jenen Tagen gesehen oder gehört hatte, versuchte er sich einzuprägen, selbst flüchtige Eindrücke, selbst Dinge, die er nur ein einziges Mal wahrgenommen hatte. Meistens sind Erinnerungen weniger klar und weniger detailliert als unmittelbare Wahrnehmungen. Doch manchmal tauchte in seinem Kopf ein Bild auf, seltsam vollständig, bis ins kleinste Detail.
Sie spürte noch immer die Wärme, die Textur und den Duft, der in den Laken hing. Einen Augenblick lang verharrte sie in angstvollen Gedanken, dann schleuderte sie den Pinsel in bitterer Verzweiflung gegen die halbfertige Leinwand. Danach ließ sie sich in den Sessel fallen und rieb sich das Gesicht mit Farbe. Mit den Fingern fuhr sie durch die Locken ihres Haares. Dann presste sie sich fest die Hand an die Schläfe. Sie wusste, dass unvollendeten Bildern eine ungewisse Zukunft bevorstand. Eine namenlose Frau betrachtete die eisige Dunkelheit des Bildes. Sie erahnte das verborgene Leben und die Spur, die aus dem gläsernen Blick ihres Geliebten sprach, zerbrochen von zwei eiskalten, blendenden Schüssen. Das Blut, unregelmäßig und kreisförmig, strich über die schönen Züge seines
Gesichts und während es langsam hinabfloss, ließ es den Schnee schmelzen. Ihre Lippen murmelten ein Gebet. Sie wünschte sich, der Himmel möge Milch regnen lassen und der Wind die roten Flecken mit einem blauen Tuch fortwischen.
Sie hörte Schritte, die sich im Vergessen entfernten, und das Aufflammen des Schreis eines Neugeborenen. Die weiße Erinnerung enthüllte die Spur des Verbrechens: ein glühender Tropfen Blut auf der Leinwand. Dieses Phänomen begleitete ihn seit seiner Kindheit. Schon in der Schule war er häufig in der Lage, ein Bild so vollständig zu rekonstruieren, dass er sogar eine ganze Seite buchstabieren konnte, geschrieben in einer ihm unbekannten Sprache, die er nur für wenige Augenblicke gesehen hatte.
Menschen mit einem fotografischen Gedächtnis, wie er es besaß, konnten die Bilder ihrer visuellen Wahrnehmungen in der Erinnerung gewissermaßen zurückspulen und sie auf die Fläche einer Leinwand projizieren. Am Rand des Bildes entdeckte er eine Inschrift. Er träumte von jenem Wassily Kandinsky, eingehüllt in Plastik, das seine Eifersucht verschlingen würde. Eine namenlose Frau flog in eine Zeit, in der das Echo ihren Namen vergessen hatte.
Ein Tropfen Blut im Schnee.


autor: Javier Hernández Velázquez

Traducido por Krys Lyn

Copyryght

No hay comentarios:

Publicar un comentario